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IN München,

Die Kunst des Gespräches
Claudia Wessel
Süddeutsche Zeitung

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Simone Dattenberger
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Gespräche mit Deutschen
Anne Goebel
Süddeutsche Zeitung

Verkehrssprache
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Applaus

 

Gespräche mit Deutschen
Die israelische Künstlerin Sharone Lifschitz und ihre ungewöhnliche Kunst-am-Bau-Arbeit für das Jüdische Museum
Als Sharone Lifschitz durch Deutschland fuhr im Sommer 2005, reiste sie nie ohne Süßigkeiten. Keine schlechte Ausrüstung, wenn man Menschen kennenlernen will. Gespräche gegen Schokolade, so könnte man den Deal beschreiben, den sich die junge Frau ausgedacht hatte für ihre erste Annäherung. „I had a box of chocolates”, erzählt sie, „and they gave me a conversation”, ich hatte Schokolade dabei, und die Leute gaben mir ein Gespräch dafür. So saß sie in den schönen, großen, sauberen Abteilen der Deutschen Bahn, pendelte zwischen Essen und Münster, München und Berlin und hörte zu. Es gab keine besonderen Dialoge, bloß Reise-Smalltalk. Woher, wohin, haben Sie Kinder, wo steigen Sie um? Hört sich nicht weltbewegend an. Aber für eine Studentin aus einem Kibbuz in der Negev-Wüste Israels, die mit 24 Jahren das erste Mal durch Deutschland fährt, ist das eben etwas anderes. Noch dazu, wenn viele Familienmitglieder im Holocaust ermordet wurden. Noch dazu, wenn ihre Eltern niemals deutschen Boden betreten haben und sie selbst es bei ihrer ersten Fahrt von London nach Prag vorzog, das dunkle Land bei Nacht zu durchqueren. Gesehen hat sie nichts, das war auch nicht gewünscht. Dann hat sich Sharone Lifschitz anders entschieden, und es begannen die Gespräche.
„Speaking Germany” heißt das Projekt der jungen Künstlerin, mit dem Lifschitz 2004 den Kunst-am-Bau-Wettbewerb für Münchens neues Jüdisches Museum gewonnen hat. Die Reisen waren Teil der Aktion, und wenn ihre Arbeit am 18. März im Haus am Jakobsplatz präsentiert wird, vier Tage vor der feierlichen Eröffnung des Museums, dann heißt das noch lange nicht, dass irgendetwas an dem Projekt abgeschlossen wäre. Im Gegenteil, die Dialoge sollen weitergehen, zwischen ihr und Menschen aus Deutschland, zwischen einer jungen Jüdin und den Münchnern. Einladung zum Austausch: So sieht die Wahl-Londonerin ihre erste Einzelausstellung, die so gar nichts Museales hat und deshalb viel eher Forum für Kontaktaufnahme heißen müsste oder vielleicht Sharones deutsch-jüdische Kennenlernbörse. Was wiederum sehr gut zum Konzept des neuen Jüdischen Museums und dem Gründungsdirektor Bernhard Purin passt. Ein offener Ort des Austauschs soll neben der Synagoge und dem Gemeindezentrum entstehen, ein – auch architektonisch – lichter, durchlässiger Raum für Information, Annäherung, Diskussion.
Da hatte die Idee der Absolventin des „St.Martins College of Art and Design” in London von Anfang an gut dazugepasst. Ausgehend von Kontaktanzeigen in allen großen deutschen Tageszeitungen plante die Künstlerin, aus Briefen, via E-Mail, aus Gesprächen und persönlichen Treffen mit den Absendern der Rückmeldungen ein rein zufälliges Netzwerk aufzubauen zwischen ihr und Menschen aus Deutschland – und aus dem, was dabei gesprochen oder nicht gesprochen wird, ein Bild davon zu entwerfen, wie Deutsche auf die Person Sharone Lifschitz reagieren. „Junge jüdische Frau, die Deutschland besucht, würde gern ein Gespräch über nichts Besonderes führen mit jemandem, der dies liest”, lautete die Annonce in SZ, Zeit, FAZ und anderen Medien. „Young Jewish woman visiting Germany would like to have a conversation about nothing in particular with anyone reading this.” Danach folgte eine E-Mail–Adresse. Geantwortet haben mehr als 200 Personen, viele von ihnen hat die fleißige Bahnnutzerin Lifschitz getroffen, zum Kaffee in Köln, zum Bummel in München, Hamburg, Leipzig. Die Gespräche hat sie notiert, und am Ende geht es natürlich um etwas anderes als „nothing in particular”. Um nicht weniger als das schwergewichtige Thema deutsche Vergangenheit nämlich. „Ich wollte sehen, was passiert, wenn du sagst, du bist jüdisch”, sagt Sharone Lifschitz beim Treffen im Café Dukatz, nimmt einen Schluck Wasser und lächelt. Bei ihr hört sich das alles ganz leicht an, und sie schüttelt energisch ihre dunkle Pagenfrisur, um zu verdeutlichen, dass es ihr eben nicht um Schwere geht, um Schuld, um die unaussprechliche Last der Vergangenheit. „Ich möchte, dass wir miteinander reden und Fragen stellen”, sagt sie. „Unfold it”, nennt sie das, „sie auffalten”, die gemeinsame Vergangenheit nämlich – und damit indirekt eben auch, weil sie ja geschehen sind, die Nazi-Verbrechen, die Gräueltaten. Aber sie sollen oder müssen gar nicht Thema sein. Sondern indem die Künstlerin die vorsichtige Behutsamkeit bei der Annäherung zwischen den Deutschen und ihr, der jungen Jüdin, dokumentiert, auch die Steifheit, die unausgesprochenen Fragen, macht sie deutlich, wie nötig Gespräche und Offenheit sind.
Damit der Dialog „Speaking Germany” weitergeht, nach den Zugfahrten, zufälligen Bahnbekanntschaften, verabredeten Treffen, ist seit Anfang des Jahres München – sozusagen das Ziel der großen Reise – selbst zum virtuellen Begegnungszentrum geworden. Auf Bannern an Trambahnen, in U-Bahnzügen und demnächst auf Plakatwänden sind Versatzstücke aus den bisherigen Kontakten zu lesen, die Sharone Lifschitz ausgewählt hat. Wer die Textfragmente liest, konnte damit bisher wohl kaum viel anfangen. „Grüß Gott young lady”, „it looks a little mysterious.” „What are your intentions?”. Die Frage nach ihren Absichten, nach dem Grund für ihre rätselhafte Annonce, ihre Reisen ist immer wieder aufgetaucht – und nun sollen die Zitate, in den öffentlichen Raum bugsiert, die Neugier der Münchner schüren. Und ein bisschen auch ihre Offenheit auf die Probe stellen, denn wenn von kommendem Dienstag an die zum Projekt gehörige Website speaking-germany.de freigeschaltet ist, sollen im Netz die „Gespräche” mit der Künstlerin noch einmal richtig in Gang kommen. Die Ergebnisse der virtuellen und echten Begegnungen werden zum Schluss als Textprotokolle an der Fassade des Museums zu lesen sein.
Sharone Lifschitz sagt, dass sie das Reisen, der Austausch, die Nähe zu den Menschen jedes Mal bewegt habe und manchmal emotional überfordert. „Ich war danach wie ausgelaugt.” Trotzdem hat sie (fast) nur Gutes erlebt, sie mag die Menschen, und sie kommt voran mit der Sprache. „Obwohl ich eigentlich immer Spanisch lernen wollte”, erzählt sie lachend. Für die Gastfreundschaft, die vielen gute Gespräche wolle sie etwas zurückgeben, ihr Kunstprojekt nämlich. „Ich will nicht belehren und nicht bewerten. Lernen, darüber zu sprechen – das ist es, wozu ich beitragen kann.”
ANNE GOEBEL

3 Mar 2007 / Gespräche mit Deutschen / Anne Goebel / Süddeutsche Zeitung / 59